International Braille Chess Association

                Die Geschichte der Organisation

Zusammengestellt  und mit  überleitenden Texten  versehen  von

                       Hans-Gerd Schäfer

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                      K A P I T E L  III


                        Aus den Ländern
                        様様様様様様様

Die wichtigsten weil aktivsten nationalen Schachorganisationen
mit Hinblick auf die Gründung eines internationalen Verbandes
blinder und hochgradig sehgeschädigter Schachspieler waren in
der Bundesrepublik Deutschland der "Deutsche Blindenschachbund"
(DBSB) wie auch die entsprechende Sektion innerhalb des
"Blinden- und Sehschwachenverbandes" der Deutschen
Demokratischen Republik" (DDR) und die britische "Braille Chess
Association" (BCA). Aus diesem Grunde ist es vielleicht für die
Leser von Interesse, auf die Entwicklungen dieser Verbände näher
einzugehen. Aber auch die Entwicklung in anderen Ländern - hier
als Beispiel Rußland, Spanien und Ungarn, der Schweiz sowie
Litauen - sollen aufgezeigt werden.

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Ein ganz besonderes Kapitel - schon von der Dimension - ist
natürlich Rußland (damals noch in der UdSSR enthalten). Man hört
relativ wenig in Sachen Blindenschach von dort, obwohl es da
erheblich mehr blinde Schachspieler gibt als in der gesamten
übrigen Welt. Hier einige Artikel aus dem

INFORMATIONSBLATT 3 64-65 - Artikel von J. Krebca (CSSR) - Wie
in der UdSSR allgemein, wird natürlich auch unter den Blinden
das Schachspielen ganz groß geschrieben! Der Allrussische
Blindenverband VOS unterhält fast in allen größeren Städten
Blindenwerkstätten, denen zumeist auch eine Blindenschachgruppe
angeschlossen ist. Nur so mag die ungewöhnlich hohe Zahl von ca.
11.000 blinden Schachfreunden auch verständlich sein.

Natürlich spielen viele Blinde auch bei den Sehenden mit und
haben auch schon viele Erfolge erzielt. So konnte ein junger
blinder Schachfreund, Gimadejew, im Bezirk Stavropol punktgleich
mit einem Sehenden Bezirksmeister werden und in die
Landesmeisterschaft aufsteigen.

Im Oktober 1963 gab der Internationale Großmeister Kortschnoj
beim Leningrader Blindenschachklub eine Simultanvorstellung an
25 Brettern.

Der Allrussische Blindenverband VOS richtet 1964 das
Semifinale zur Qualifikation für die
Blindenschachstaatsmeisterschaft aus. 66 Schachfreunde aus 43
Schachgruppen waren spielberechtigt. In sechs Gruppen und
Städten dieses Riesenlandes wurden die Bretter zum Kampf
freigegeben. Jeweils die beiden ersten konnten sich für die
Staatsmeisterschaft qualifizieren. Zu diesen zwölf
Qualifizierten wird der Verband vermutlich noch vier weitere
Schachfreunde hinzunehmen, so daß sechzehn Schachfreunde am
Finale teilnehmen.Aber auch die Damen standen nicht zurück. 35 Damen aus 30
Blindenschachgruppen spielten in drei Gruppen im Semifinale um
Sieg und Qualifikation. Jeweils die ersten vier nehmen an der
Staatsmeisterschaft der Damen teil, darunter auch die letzte
Damenmeisterin, N. Larionova aus Gorki.

INFORMATIONSBLATT 1; 1981 - Schon Ende des vorigen Jahres wurde
das Halbfinale der XIV. Mannschaftsmeisterschaft des
Allrussischen Blindenverbandes durchgeführt. Es wurde in fünf
Gruppen zu je zwölf Mannschaften gespielt. Für jede Gruppe war
ein anderer Austragungsort vorgesehen. Nur zwei Mannschaften aus
jeder Gruppe konnten sich für das Finale, das im Herbst dieses
Jahres in Stawropol laufen soll, qualifizieren. Hinzu kommt noch
der zur Zeit amtierende Mannschaftsmeister. Bei der
Zusammensetzung der Gruppen wird natürlich darauf geachtet, daß
etwaige favorisierte Mannschaften nicht schon in den Vorrunden
aufeinandertreffen. Die Teilnehmer am Finale sind: Baschkirien,
Bygorod, Woronesch, Ivanovo, Kuybyschev, Leningrad, Moskau
(Bezirk), Moskau (Stadt), Omsk, Rostow am Don und Stawropol.

In der UdSSR werden sowohl Staatsmeisterschaften als auch
Meisterschaften des Allrussischen Blindenverbandes ausgetragen.
Die Staatsmeisterschaft wurde im vorigen Jahr im September und
Oktober durchgeführt. An diesem Wettkampf nahm je eine
Mannschaft aus den vierzehn Unionsrepubliken der UdSSR teil.
Überraschungssieger wurde das Team aus Alma-Ata (Kasachische
Unionsrepublik) vor den punktgleichen Mannschaften der Ukraine
und dem eigentlichen Favoriten Moskau (Stadt). (Heinz Reschwamm)

INFORMATIONSBLATT 2; 1981 - Der traditionelle Länderkampf UdSSR
/ Jugoslawien wurde diesesmal in Ulci an der Adria in der Zeit
vom 2. bis 8. Oktober ausgetragen. Unerwartet hoch siegte das
Team der UdSSR mit 15,5 zu 8,5 Punkten. An diesem Wettbewerb
nehmen immer nur die 6 besten Spieler beider Länder teil. Hier
noch die Einzelergebnisse:
     1    Krylow - Baretic ............ 2,5 - 1,5 Punkte
     2    Rudensky - Djukanovic ....... 2,5 - 1,5 Punkte
     3    Gimadejew - Negovanovic ..... 3,0 - 1,0 Punkte
     4    Strokow - Cabarkapa ......... 3,0 - 1,0 Punkte
     5    Strishniew - Avram .......... 2,5 - 1,5 Punkte
     6    Guzinin - Dragun ............ 2,0 - 2,0 Punkte
Das nächste Turnier dieser Art soll wieder in der
UdSSR am Schwarzen Meer durchgeführt werden.

INFORMATIONSBLATT 2; 1982 - Im Oktober fand in Orenburg das
Halbfinale zur Mannschaftsmeisterschaft statt. Von den 12 dort
spielenden Teams konnten sich die Mannschaften aus Perm und
Woronesch für die im kommenden Jahr laufende
Mannschaftsmeisterschaft qualifizieren. Bereits im Mai wurde die
Einzel-Meisterschaft des Allrussischen Blindenverbandes in
Krasnodar mit 21 Spielern im Rundensystem ausgetragen. Mit 15,0
Punkten konnte Anatolij Gimadejew aus Stawropol als neuer
Meister das Turnier erfolgreich beenden. Nur einen halben Punkt
weniger, also 14,5 Punkte, erzielte der junge leningrader
Meisterschaftsanwärter S. Smirnow, gefolgt von den punktgleichen
Schachfreunden Krylow, dem Blindenschach-Weltmeister, Strokow
und Alpert, alle aus Moskau, mit 14,0 Punkten. Die Schachfreunde
Rudenskij und Kulakow belegten die nächsten Plätze mit 12,5
Punkten. Beteiligt waren ein Internationaler Meister, fünf
Meister, neun Meisteranwärter und sechs Spieler der Klasse I der
UdSSR.
                                  Nach  einem  Bericht  von
                                  Paul Erös, Budapest (Ungarn)

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Aus den Ländern, die über 40 Jahre oder länger zur Föderation
der UdSSR gehörten, ist nicht viel überliefert. Es gab zwar eine
gewisse Eigenständigkeit und auch Begegnungen untereinander oder
hin und wieder mit ausländischen Mannschaften. Chroniken geben
aber nur - wie z.B. hier in Litauen - recht spärlich Auskunft:

Anfang Juli 1952 nahm eine Mannschaft von Litauen zum ersten
Male an einem Freundschaftsturnier baltischer Mannschaften teil.
Die Veranstaltung fand in Talinn statt. Die Mitglieder des Teams
waren: Antanas Ruginis, Bronius Petrokas, Napoleonas Kuolys,
Viadas Kraucevicius, Gabrielius Stankevicius und ein sehender
Schachfreund Jonas Kliunka.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Sowjetunion gewann 1976 die
blinde Schachspielerin Stasé Ingaunyté  den Meistertitel. Ihr
wurde der Titel "Sportmeister der UdSSR" verliehen.

Am 19. April 1992 wurde die Sektion "Schach" der Litauischen
Vereinigung blinder und sehgeschädigter Sportler Mitglied der
International Braille Chess Association (I.B.C.A.)

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Die nationale Organisation der Blinden und Sehgeschädigten in
Spanien, die O.N.C.E. Organizacin Nacional para Ciegos
Espaoles, wurde am 13. Dezember 1938 als Folge des Spanischen
Bürgerkrieges in der Stadt Burgos gegründet. Sie sollte sich vor
allem um die vielen Kriegsblinden kümmern. Dazu wurde sie auch
mit den entsprechenden Privilegien ausgestattet. Sie bekam und
hat bis heute die Lotterie-Lizenz; außerdem besaß die O.N.C.E.
verschiedene Produktionsstätten zur Fabrikation von Besen,
Korbwaren und Süßigkeiten. Die O.N.C.E. ist heutzutage ein
regelrechtes Wirtschaftsimperium. Gegenwärtig stammen immer noch
80 % (zur Zeit etwa 385 Milliarden Pesetas pro Jahr) der
Einkommen aus der Lotterie "CUPON PRO CIEGOS", obwohl die
O.N.C.E. ihre Gewinne in zahlreiche Unternehmen investiert hat
wie z. B. TV-Tele 5, Reiseagentur 2000, Sportartikel,
Supermärkte, Trockenreinigungen, Radio Onda Cero und anderes.
Der Großteil der Arbeiter sind Blinde,und die Direktoren sind
immer blind.

Unter den Blinden des Bürgerkrieges waren natürlich auch
hochrangige Militärs. General Francisco Franco hieß die Idee der
O.N.C.E. gut, stattete das Loseverkaufen mit dem Privileg aus,
keine Steuern zahlen zu müssen, was immer noch besteht, und von
Anfang an, war die O.N.C.E. wirtschaftlich stark genug um allen
Blinden helfen zu können und um die wichtigen hohen Militärs mit
den entsprechenden Positionen zu versorgen.
In Madrid wurde Ende der 30-er Jahre innerhalb der O.N.C.E.
selbstverständlich auch eine Schachabteilung ins Leben gerufen.
Von Anfang an war Schach auch bei den Blinden und
Sehgeschädigten in Spanien die beliebteste
Freizeitbeschäftigung, um so mehr, als die Spieler begannen, das
Spiel im Sportverband ernsthaft zu betreiben, vollkommen
integriert im Wettkampf. 1944 hat die Schachsektion der O.N.C.E.
über die öffentlichen Mannschaftswettbewerbe in regionalen Klubs
mitgespielt. Dabei haben die besten Spieler, Ramon Bosch Climent
und Juan Fiter Rocamora, ein leidenschaftlicher
Schachtheoretiker mit vielen internationalen Verbindungen,
angeregt, die Braille-Zeitschrift  TABLERO DE AJEDREZ
herauszugeben, die noch heute erscheint und ein wichtiges Mittel
für Kontakte und Informationen der blinden Schachspieler in
Spanien ist. Unter dem Dach der O.N.C.E. ist heutzutage nicht
nur die Federacion Madrilea de Ajedrez organisiert, sondern
weitere Blindenschachklubs in Murcia, Tarragona, Algeciras,
Ingenie, Cantabria, Las Palmas, Saragossa, Tenerifa, Alicante
und Barzelona. Geführt von Lucio Baigorri und von hochrangigen
Spielern wie Jesus Ugena und Vernando Vargas erreichte die
O.N.C.E.-Mannschaft von Madrid bald die höchste regionale
Kategorie. Auch blinde Spieler, die vereinzelt in den Klubs der
Sehenden mitspielten, wurden sofort in den Wettbewerb
integriert. So war es auch in Murcia der Fall, wo Antonio Hierro
in der Mannschaft des Klubs Casino de Murcia spielte, oder bei
José Maria Lavin in Sant Sebastian, der mit seiner Klub-
Mannschaft am  REY ARDID  teilnahm.

In den 50-er Jahren vollzog sich ein einschneidender Wandel im
Blindenschach. Die Schulen der O.N.C.E. entließen eine neue
Generation von Spielern. Die wichtigsten Nahmen waren die von
Jesus Ariste, der im Klub  REUS DE AJEDREZ  spielte, und der
Mitglied der spanischen Olympia-Equipe wurde; und Delfin Burdo
Gracia, der in seiner langen, brillianten Karriere die Titel des
Campéon Provincial  "Provinzmeisters" in Aragon Jaém und
Alicante gewann, und der an mehreren Endspielen des Campéonato
de Espaa de Ajedrez Individual, Spanische Einzelmeisterschaft,
teilgenommen hat. Er war auch Spanischer Meister der O.N.C.E.
und - 20 Jahre lang - Mitglied der spanischen Olympiamannschaft.
Zur Zeit ist er FIDE-Schiedsrichter und I.B.C.A.-Präsident.

In den 60-er Jahren wurde das erste Turnier CAMP`EONATO DE
ESPAA DE AJEDREZ für Blinde ausgeschrieben. Bei den ersten
Turnieren glaubte man nicht an viel öffentliche Unterstützung.
Die Schachspieler erhielten deshalb zunächst nur begrenzte
logistische Hilfen, da der weitere Weg für den wichtigsten Sport
der Blinden in Spanien erst einmal abgewartet werden mußte, um
die Entwicklung absichern zu können.

Bis zum Jahre 1978 erreichten unsere Spieler das Finale des
CAMP`EONATO DE ESPAA. Ab 1970 wurde die Einschreibung
freigegeben und Turniere wurden nach Schweiz. System gespielt.Die O.N.C.E. richtete ab 1986 den Sportverband Negociado de
Deportes ein, von wo aus nun der älteste Blindensport Spaniens
ebenfalls organisiert wurde. 1986 feierte das Blindenschach in
Spanien die zehnte Einzelmeisterschaft, die in Las Palmas
stattfand. Es nahmen 36 Spieler daran teil. Bis September 1988,
als 104 Spieler zu der Veranstaltung erschienen, wurde die
Anzahl der Teilnehmer an der Einzelmeisterschaft nicht begrenzt.
Die Masse erforderte aber Qualifikationen für nationale
Turniere. So einigte man sich 1990 auf 54 Spieler, die aus den
Qualifikationen hervorgegangen waren. Das CAMPEONATO DE ESPAA
für Blinde entwickelte sich danach zu einem sehr
anspruchsvollen Turnier mit bemerkenswerter Qualität.

1987 veranstaltete die Organisation des Negociado de Deportes
die zweite Schach-Mannschaftsmeisterschaft für Blinde und
Sehbehinderte , die seither alternierend mit der
Einzelmeisterschaft jedes zweite Jahr stattfindet. 1994 wurde
der O.N.C.E.-CUP für Mannschaften geschaffen. Er wird im KO-
System ausgespielt. Ebenfalls seit 1994 findet zur Orientierung
der Verantwortlichen jährlich in einem anspruchsvollen Turnier
ein Treffen junger Spieler statt.

Neben den internen Wettbewerben war der Hauptimpuls zur
Entwicklung des spanischen Blindenschachs die Teilnahme an
internationalen Wettbewerben. Diese Bestrebungen haben
hervorragende Früchte getragen für die Integration der Blinden
wie auch für das Schach. Jährlich nehmen die Spieler an mehr als
zehn internationalen Open in Spanien teil. Auch Impulse für neue
Wettbewerbe auf internationaler Ebene hat das spanische
Blindenschach gegeben: Der I WORLD CUP, der stärkste
Mannschaftswettbewerb der I.B.C.A., wurde 1990 in der alten
Königsstadt Segovia (Spanien) ausgespielt; die
Europameisterschaft, ein offener Wettbewerb aber auch mit
geladenen Spielern aus den Mitgliedsorganisationen, wurde 1995
in Benasque / Huesca in den spanischen Pyrenäen zum ersten Male
durchgeführt.

          CAMPEONATO DE ESPAA DE AJEDREZ POR EQUIPOS
              PARA CIEGOS Y DEFICIENTES VISUALES

Jahr  Meister      Ort        Jahr  Meister      Ort
1979: Barzelona .. Alicante   1991: Barzelona .. Tenerife
1987: Madrid ..... Santander  1993: Barzelona .. Mallorca
1989: Madrid ..... Linares    1995: Madrid ..... Valladolid
                         O.N.C.E. CUP
Jahr  Meister      Ort        Jahr  Meister      Ort
1994: Valencia ... Tudela     1996: Madrid ..... Algeciras
                      Einzelmeisterschaft
Jahr Meister   Vizemeister    Jahr Meister   Vizemeister
78:  Burdio .. Fiter          88:  Sabanez . Rubio
80:  Burdio .. Ugena          90:  Martinez  Palacios
82:  Enjuto .. Burdio         92:  Durban .. Martinez
84:  Martinez  Rubio          94_  Enjuto .. Palacios
86:  Rubio ... Martinez       96:  Durban .. Martinez

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Blindenschachklubs auf lokaler Ebene wurden in Kopenhagen
(Dänemark) 1947 verzögert im südosteuropäischen Raum nach dem
zweiten Weltkrieg fast in allen großen Städten gegründet. Wien
Wiener Schachrunde - 1952, Zagreb 1956. Auf nationaler Ebene
liegen die Gründungsdaten meistens etwas später. Schweizerischer
Blindenschachbund 1958 und Österreichischer Blindenschachbund
1970, obwohl es gerade in Österreich schon 1951 und 1955
landesweite Meisterschaften gab.

Für die britische BCA beziehe ich meine Informationen
hauptsächlich aus einer Dokumentation, die ein Mitglied der BCA
und zeitweilig Sekretär der I.B.C.A., Jack Horrocks, anläßlich
des 50-jährigen Jubiläums der BCA im Jahre 1982 zusammengestellt
und veröffentlicht hat.

In England sind die ersten Schachaktivitäten bis in das Jahr
1902 zurückzuverfolgen; mit dem Braille Chess Club zu dieser
Zeit ist der Name F. H. Marick verbunden; der Klub hat um das
Jahr 1910 herum einige dreißig Mitglieder gehabt. Eine Beilage
zu der Punktschriftzeitung "PROGRESS" zum Thema "Schach", die
Spiele, Informationen und einen Problemteil enthielt, existierte
- noch - editiert von F. H. Marick - bis zum Ende der zwanziger
Jahre. Ernest A. H. Eaton initiierte dann die Gründung einer
landesweiten Organisation im Sommer 1931; sie wurde auch bereits
am 15. Oktober 1931 mit elf Mitgliedern ins Leben gerufen. Eines
der Gründungsmitglieder war Reginald Walter Bonham. Er gab im
Jahre 1934 auch den Anstoß für das "Braille Chess Magazine", das
im wesentlichen Beiträge aller Art aus den verschiedenen
Schachzeitschriften enthielt. Bonham blieb für 25 Jahre
Herausgeber dieser Publikation. Blindenschachklubs, wie sie um
diese Zeit herum und dann wieder nach dem zweiten Weltkrieg in
Deutschland entstanden, gab es in Großbritannien nicht oder
begrenzt nur an den Blindenschulen - zum Beispiel in Worcester.
Schulen in England legen viel Wert auf
Gemeinschaftseinrichtungen und die Pflege von
Gemeinschaftsaufgaben. Deshalb hatte nur die Gründung eines
Blindenschachklubs ehemaliger Worcester-Schüler in London im
Jahre 1952 hatte längere Zeit Bestand.

Die Entwicklung des Schachspiels in Deutschland ging anfangs,
was eine zentrale Organisation anbetrifft, recht schleppend
voran. Der folgende Text, der das illustriert, entstand - soweit
er sich auf Deutschland bezieht - in enger Anlehnung an eine
Schrift zum 10-jährigen Jubiläum des Deutschen
Blindenschachbundes aus dem Jahre 1961. Die Übersicht über die
Entwicklung der I.B.C.A. stammt im wesentlichen aus dem
Informationsblatt 2/83 und wurde zum 25-jährigen Bestehen der
I.B.C.A. von Heinz Reschwamm, dem damaligen Fernschachleiter der
I.B.C.A. und zu dieser Zeit verantwortlichen Redakteur für das
Blatt, veröffentlicht. Von mir wurde diese Aufstellung
übernommen, in manchen Punkten ergänzt, erweitert und
fortgeschrieben.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts erschien das erste
Schachlehrbuch für Blinde von E. Kull (Berlin), der auch das
erste Blindenschachspiel anfertigen ließ. Der Weltkrieg 1914_18
hemmte diese günstige Entwicklung, die aber danach - nicht
zuletzt durch Mitwirkung im Kriege erblindeter Schachspieler -
wieder neue Belebung erfuhr. Der Geburtstag des organisierten
Blindenschachs in Deutschland ist der 2. Februar 1924, an dem in
der Blindenschule Chemnitz von schachbegeisterten Schülern der
erste und noch heute bestehende Blindenschachklub gegründet
wurde.

Im Jahre 1929 rief man in den Blindenschulen Kiel und Düren
Schachvereine ins Leben; Der Kieler Verein wahrte auch nach
Auflösung der dortigen Blindenschule bis heute seine
Selbständigkeit.

Am 1. Januar 1926 erschien zu einer Zeitschrift in
Blindenschrift die erste Schachbeilage. Besonders zu erwähnen
ist, daß Anfang 1936 in Leipzig die erste Schachzeitung für
Blinde herausgegeben wurde, die auch Nachrichten aus dem
Blindenschach enthielt. Sie erscheint heute in größerem Umfang
monatlich unter dem Titel "Schachbrücke" in der "Leipziger
Zentralbücherei für Blinde" weiter und erfreut die Bezieher vor
allem durch ihre interessanten aktuellen Beiträge und
schachtheoretischen Beilagen.

In Sachsen brachten ehemalige Schüler der Blindenschule Chemnitz
das Blindenschach zu einer bemerkenswerten Blüte. 1936 erfolgte
dort ein Zusammenschluß blinder Fernschachfreunde. Blinde und
Sehgeschädigte entdeckten das Fernschach für sich; hier gab es
bereits vor den national und international organisierten
Turnieren am Brett, Fernschachaktivitäten. Dies waren allerdings
nur mehr oder weniger lose Briefgemeinschaften, die durch die
"Freude am Schachspielen" zusammenfanden und zusammengehalten
wurden. Es kam vor und nach dem zweiten Weltkrieg immer wieder
zu Gründungen Schachbegeisterter auf regionaler und nationaler
Ebene.

Die wichtige internationale Verbindung, durch die Schach
international wurde, war Esperanto. Bereits im Jahre 1921 fand
der erste Kongreß blinder Esperantisten in Paris statt. Auch das
Verbandsorgan ESPERANTA LIGILO wurde bald durch eine
Schachbeilage KORIERE erweitert, die sich über Jahrzehnte hielt.
Zwar ist von der Neugründung der deutschen Sektion blinder
Esperantisten nach dem zweiten Weltkrieg erst in München 1951 zu
berichten, es fanden aber wohl schon vorher genügend Exemplare
der Zeitschrift in Braille  ESPERANTA LIGILO, die in Schweden
von Herrn Harald Tilander gedruckt wurde, den Weg in das
besetzte Deutschland; Denn ab 1. Januar 1951 spielten Blinde und
Sehgeschädigte in internationalen Fernschachgemeinschaften das
erste internationale Fernschachturnier - darunter auch einige
deutsche Spieler aus allen Besatzungszonen. Auch wird berichtet,
daß internationale Kongresse der Esperantisten oft dazu genutzt
wurden, Schachturniere auszutragen; zum letzten Male geschah
dies im Jahre 1972.

Im Jahre 1955 konstituierte sich dann zunächst einmal ein
vorbereitendes Gremium für internationale Begegnungen am Brett.
International wurden Bestrebungen, die endgültig über das
Fernschach hinausgehen sollten, erst im Jahre 1958. Ich verweise
hier zum Beispiel auf den Auszug aus den "Mitteilungen" des
Österreichischen Blindenverbandes im vorigen Kapitel, der sieben
Gründerorganisationen ausweist. Hier noch ein kurzer Text vom 3.
Präsidenten der I.B.C.A., Dr. Aren Bestman:

Schach und Blinde - Schon in den ersten Blindenschulen wurde das
schachspiel gepflegt, und in der Folge wurde es für zahlreiche
Blinde ein beliebtes Spiel. In den dreißiger Jahren unseres
Jahrhunderts wurden bereits Wettkämpfe auf nationaler Ebene
ausgetragen. Der Schrittmacher für die internationalen
Wettkämpfe war das Fernschach, 1951 wurde erstmals ein Wettkampf
für Blinde ausgeschrieben. Es war folgerichtig, daß nun die
Diskussion um eine internationale Schachorganisation aufkam.
1958 wurde sie dann unter dem Namen International Braille Chess
Association Wirklichkeit. Verständlicherweise blieb das
Fernschach zunächst die erste Aktivität, und
Einzelweltmeisterschaften wurden durchgeführt. Später folgten
Mannschaftswettkämpfe, die sogenannte Fernschacholympiade. 1961
wurde die erste Schacholympiade für Blinde in Meschede (BRD)
veranstaltet.

                    Dazu zwei Anmerkungen:

1.   Die Gründung der "Fédération Internationale des Echecs"
     (F.I.D.E.) in Paris, deren Präsident 25 Jahre lang der
     unvergeßliche Niederländer Alexander Rueb war, datiert vom
     20. Juli des Jahres 1924 ; an diesem Anfang beteiligten
     sich zunächst auch nur 19 Mitgliedsorganisationen; der
     F.I.D.E. gehören heute mehr als 150 Länder an.

2.   Auch an der Idee, einen Weltschachverband zu gründen, haben
     deutsche Schachspieler einen gehörigen Anteil: Beim Kongreß
     des "Deutschen Schachbundes" (DSB) in Mannheim 1914, wurde
     dies gemeinsam mit Vertretern des Allrussischen
     Schachverbandes gefordert. Diese Idee wurde dann in den
     Turbulenzen und Wirren des ersten Weltkriegs leider
     wieder verschüttet.

Die erste weltweite Fernschachvereinigung, der "internationale
Fernschachbund" (ISFB), konstituierte sich im Jahre 1928. Die
F.I.D.E. ist hier also die ältere Organisation. Fernschach ist
eine sehr interessante Art und Weise des Schachspielens. Viele
unserer großen Schachmeister waren und sind begeisterte
Fernschachspieler. Von Michail Tal sagt man, daß er als junger
Mann oftmals bis zu 100 Fernschachpartien laufen hatte. Wer
seinen Zug per Brief mit einer Bedenkzeit von zwei bis drei
Tagen versendet, kann alle ihm zugänglichen theoretischen
Grundlagen nutzen, jede Möglichkeit, seine Position bis in die
-
 je nach dem - Sackgasse oder (vermeintliche) Gewinnstellung
durchzurechnen; und die blindenspezifischen Handicaps fallen
hier auch weitgehend weg, wenn man einmal davon absieht, daß die
jedem anderen relativ leicht zugängliche Schachliteratur für
Blinde und hochgradig Sehgeschädigte nur insoweit nutzbar ist,
wie sie in Punktschrift übertragen wurde, wieviel davon der
Blinde oder hochgradig sehgeschädigte Schachspieler bezahlen
kann respektive wieviel davon der interessierte Spieler
unterzubringen in der Lage ist; Punktschriftbücher sind nämlich
nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr umfangreich. Die Nutzung
des Computers wird den Platzbedarf vielleicht etwas reduzieren,
die Kosten gehen dabei aber gewiß nicht zurück. Allerdings
bleiben dem Schachspieler Kenntnisse und Fertigkeiten, die er
beim intensiven Nachdenken in Fernschachpartien erworben hat,
bis zu einem gewissen Grade auch dann erhalten, wenn er am Brett
spielt. Seine Fernschachkenntnisse vermitteln ihm einen guten
theoretischen Unterbau, der während des Spiels viel Bedenkzeit
zu sparen geeignet ist.

Neben den wertvollen Anregungen aus Sachsen wirkte sich auch die
schachliche Intensität in den Blindenschulen Kiel und Düren
segensreich auf die weitere Entwicklung des Deutschen
Blindenschachs aus. Die Mannschaften beider Schulen beteiligten
sich schon Anfang der dreißiger Jahre regelmäßig an den
Mannschaftsturnieren der Sehenden und leisteten durch manche
Erfolge einen wichtigen Beitrag zur Hebung des Ansehens der
blinden Schachspieler speziell und der Blinden allgemein.

Am 11. Oktober 1943, mitten im zweiten Weltkrieg, wurde die
Westfälische Blindenschachgemeinschaft unter maßgeblicher
Mitwirkung der Gebrüder H. und F. Uekermann gegründet, deren
Mitglieder Fernschachturniere bestritten.

Im Jahre 1948 gab es mit dem drei-Städte-Kampf zwischen
Chemnitz, Leipzig und Halle wieder das erste überörtliche
Ereignis im Deutschen Blindenschach mit einer direkten Begegnung
begeisterter Schachfreunde nach dem zweiten Weltkrieg.

Bereits im darauffolgenden Jahr wurde in Wernigerode (Harz) die
erste Meisterschaft der - damals noch - sowjetisch besetzten
Zone Deutschlands im Blindenschach ausgetragen.

Doch auch im Westen Deutschlands schlief man nicht. Es waren -
wiedermal - die Westfälischen Schachfreunde, angeführt von
Hermann Uekermann (Herfort), später einer der Initiatoren zur
Gründung der I.B.C.A., ihr Vizepräsident und von 1972 bis zu
seinem allzu frühen Tode im Herbst 1977 ihr zweiter Präsident,
die die Bestrebungen um eine Blindenschachorganisation in der
Bundesrepublik Deutschland forcierten und ihr Ziel schließlich
verwirklichten. Der Einladung zur ersten Deutschen
Blindenschachmeisterschaft nach Stukenbrock (Kreis Paderborn)
folgten 1951 17 blinde und sehgeschädigte Schachspieler aus fast
allen Teilen der Bundesrepublik, zunächst einem staatsähnlichen
Gebilde aus den Besatzungszonen der drei sogenannten Westmächte:
USA, Großbritannien und Frankreich. Sie gründeten während des
Turniers am 2. Mai 1951 den "Deutschen Blindenschachbund" (DBSB)
und legten damit den Grundstein für eine der - neben
Großbritannien - aktivsten nationalen
Blindenschachorganisationen in der I.B.C.A.

Der Spanier Juan Fiter, einer unserer besten Fernschachspieler,
war viele Jahre Mitglied des I.B.C.A.-Präsidiums. Er verstarb im
September 1981. Fiter konnte in den letzten Fernschach-
Weltmeisterschaften, an denen er teilnahm, immer einen der
ersten drei Plätze belegen und war in der elften Meisterschaft
dieser Art sogar Blindenfernschach-Weltmeister. Er war nicht nur
Redakteur der spanischen Blindenschachzeitung, sondern auch
Funktionär im spanischen Blindenwesen.

INFORMATIONSBLATT 2; 1982 - Vom 24. bis 31 Januar fand in
Cordoba unter starker Beteiligung (29 Spieler) die spanische
Landesmeisterschaft im Blindenschach statt. Dabei ging es ja um
sehr viel; denn nur der Sieger war berechtigt, an der V.
Blindenschach-Weltmeisterschaft in Hastings teilzunehmen.

Ganz überraschend siegte der erst 20-jährige Schachfreund
Roberto Enjuto mit 6,5 Punkten vor Altmeister Burdio, 6,0;
dritter bis fünfter waren die Schachfreunde Rubio, Lopez und
Florencio mit je 5,5. Sechster wurde Garcia mit 5,0 Punkten.

Erfreulich war, daß sich viele junge Schachfreunde an diesem
Wettbewerb beteiligten.

Die VI. Spanische Mannschaftsmeisterschaft im Dezember 1995
zeigte, wieviel Spanien respektive die O.N.C.E., die spanische
Blindenorganisation, gegenwärtig für Schach tut. Hier waren neun
Blindenschachklubs vertreten - Madrid mit zwei, Barzelona sogar
mit drei Mannschaften zu je vier Spielern. Meistens gehörte auch
noch ein Ersatzspieler dazu. Jede dieser Mannschaften brachte
darüber hinaus einen eigenen Trainer mit. Das Resultat der
Begegnung, die jedes zweite Jahr stattfindet, (Madrid A [35,5
Brettpunkte] gewann vor Barzelona A [33,5] und Valencia [28,0])
ist zweitrangig; wichtig ist, daß das Schachspielen als
Integrationshilfe für Blinde und Sehgeschädigte dabei gewinnt.

Kleinere Länder wie beispielsweise Ungarn hatten oftmals mit den
gleichen Problemen in anderen Dimensionen zu kämpfen, alles
scheint nur um wenige Jahrzehnte oder auch nur Jahre versetzt.
Einige Schachbretter - Steckbretter, die speziell für Blinde und
zunächst ausschließlich in Eigeninitiative hergestellt worden
waren - gab es in Ungarn bereits vor dem zweiten Weltkrieg;
hingegen waren Schachturniere für Blinde und Sehgeschädigte noch
unbekannt. Das organisierte Blindenschach begann erst am Ende
der vierziger Jahre. Der schachbegeisterte Musiklehrer an der
Blindenschule Vakok Iskolja, Joszef Zich begann schon 1952 mit
der Organisation des Schachzirkels für Sehgeschädigte in
Budapest; hier wurde auch die erste Landesmeisterschaft im
Blindenschach 1954 ausgetragen. In der Grenzstadt Szombathely
kam es schon seit Anfang der fünfziger Jahre zu Begegnungen von
Schachmannschaften Blinder und Sehgeschädigter.

Der Musiklehrer Jzsef Zich, begnadeter Organisator und selber
ausgezeichneter Schachspieler, ließ Schachbretter für die
Schüler anfertigen. Da er selbst sehgeschädigt war konnte er
1968 an der dritten Blindenschacholympiade in Weymouth
(Großbritannien) und 1972 an der vierten in Pula (Jugoslawien)
jeweils als Mitglied der ungarischen Mannschaft teilnehmen.

Ein Beamter aus der Verwaltung der Hauptstadt, der den Blinden
und dem Schach engagiertes Interesse entgegenbrachte, Jzsef
Miskei, vermittelte die Teilnahme der jungen Schachspieler der
Schule an der Pioniermeisterschaft; er war ehrenamtlicher
Mitarbeiter im ungarischen Schachverband.

Schließlich führten alle diese Aktivitäten und Bestrebungen
bereits im Jahre 1950 zur Gründung des ersten Blindenschachklubs
in Budapest. In der Anfangsphase bestand der Klub aus allenfalls
einem Dutzend Spielern; Geld war knapp, deshalb war das
Privileg, Schachspielen zu dürfen,  auf diejenigen beschränkt,
die sich ein eigenes Schachbrett leisten konnten. Trotzdem
etablierten sich in der Region weitere Schachklubs Blinder und
Sehgeschädigter in Zagreb, Novi Sad, Ossijek, Subotiza und
Zombor; sie trugen auch oftmals Vergleichskämpfe miteinander
aus. Fortschritte mußten in dieser Zeit noch hart erkämpft
werden. Es ging - zwar langsam aber stetig - aufwärts; das
Schachleben entwickelte sich kontinuierlich im Schoße des
Blindenverbandes. Blinde und sehgeschädigte Schachspieler aus
Ungarn waren ab 1967 öfter als Gäste in der Tschechoslowakei, in
Österreich und einmal sogar in Rumänien. In den zu dieser Zeit
sogenannten Staatshandelsländern wurde ein Interesse, das sich
dokumentieren ließ, auch von Staats wegen gefördert, um
gesellschaftliche Vielfalt sicherzustellen. Nach zwei Jahren
wurde der Spielbetrieb durch eine eigene Schachzeitung und einen
Schachtrainer belebt. 1956 tauchten die ersten Schachuhren auf,
die für Blinde geeignet waren und von ihnen selbständig
gehandhabt werden konnten; Sie wurden von den "Ungarischen
Optischen Werken" (MOM) hergestellt. Der Schachklub in Budapest
zählte zu dieser Zeit schon mehr als 30 Mitglieder. Im Jahre
1960 wurde bezüglich der Mitgliederentwicklung der Höhepunkt mit
etwa 60 erreicht. In diesem Jahr fand auch zum erstenmal ein
Vergleichskampf von Mannschaften aus Budapest und Zsombathely
statt. Auf Fürsprache des einflußreichen Parteifunktionärs
Zoltn Gbor erhielt eine ungarische Mannschaft die Möglichkeit
eingeräumt, im Jahre 1964 an der II. Blindenschacholympiade in
Kühlungsborn an der Ostsee (Deutsche Demokratische Republik)
teilzunehmen. Zoltn Gbor begleitete die verschiedenen
Aktivitäten im Blindenschach in Ungarn noch eine ganze Zeit mit
Interesse und Engagement. Sehgeschädigte Schachspieler in Ungarn
verdanken ihm viel. Die hier eingefügten Berichte sind aus dem
Informationsblättern der I.B.C.A. 1964-65, 1981 und 1982
(Redaktion Heinz Reschwamm) entnommen:

INFORMATIONSBLATT 3 - 1964-65 - "Wie seit 1954 alljährlich, so
konnten auch in den Jahren 1963 und 1964 die
Landesmeisterschaften nach vorheriger Qualifikation im
Halbfinale durchgeführt werden. Während 1963 Schachfreund Dénes
den begehrten Titel errang, konnte 1964 Schachfreund Auffenberg
Landesmeister werden.

Nach wie vor werden auch die schon zur Tradition gewordenen
Städtewettkämpfe gegen die Blindenschachgruppen von Zsombathely
und Miskol durchgeführt. Noch immer war hier der
Blindenschachklub Budapest der glückliche Gewinner. Paul Erös
schreibt: "Auch im Wettkampf gegen unsere sehenden Schachfreunde
schlagen sich unsere Mannschaften in den verschiedensten Klassen
mit gutem Erfolg."

In der letzten Klubmeisterschaft von Budapest mußten sich die
beiden Schachfreunde Dénes und Fauszek den Titel des
Klubmeisters teilen.

Ein über zwei Jahre laufender Fernschachländerkampf gegen die
CSSR (damals ein Zusammenschluß der beiden Staaten Slowakische
und Tschechische Republik) konnte von uns mit 7,5 zu 4,5 Punkten
gewonnen werden.

Auch in dem Fernschachländerkampf gegen die Bundesrepublik
Deutschland an acht Brettern konnten wir nach fast zweijähriger
Spieldauer mit 10 zu 6 erfolgreich bleiben.

Zweifellos war die Teilnahme einer Mannschaft an der zweiten
Blindenschacholympiade, in der wir etwas unerwartet den zweiten
Platz belegten, der größte Erfolg!
                              Nach einem Bericht von J. Dénes"

Seit Mitte der achziger Jahre gibt es die Montagsmeisterschaft,
wobei die Blinden und Sehgeschädigten der Hauptstadt Budapest
schon schöne Erfolge errungen haben. In den beiden Städten,
Szombathely und Miskol und - natürlich - in Budapest -, wo
verhältnismäßig viele Blinde leben, gab es in den Jahren von
1954 bis etwa 1971 die verschiedensten Schachaktivitäten - vor
allem Einzelmeisterschaften aber auch Mannschaftswettbewerbe -,
die zeitweise zweimal jährlich zu Begegnungen führten. In dieser
Zeit wurden auch fast regelmäßig Landesmeisterschaften
ausgetragen. Das ist in den letzten Jahren leider ein wenig
eingeschlafen. Seit dem Jahre 1963 arbeiten Schachspieler und
Leichtathleten im Sportzirkel zusammen. Tandemfahrer,
Goalballspieler und Bergsteiger schlossen sich wenig später an.
Aber leider ging es mit dem Schach im Lande allmählich bergab.
Erst einige Jahre später konnte das ungarische Blindenschach
sich im Sportzirkel mit anderen sportlichen Aktivitäten Blinder
und Sehgeschädigter fest etablieren. Weitere Auszüge aus den
Informationsblättern 1981 der I.B.C.A.:

Gegen Klubs der Sehenden wurden schon von Anfang an
Mannschaftswettkämpfe ausgetragen; die besten Ergebnisse gab es
jedoch erst in den siebziger und achtziger Jahren.
INFORMATIONSBLATT 1 1981 - In der diesjährigen
Einzelmeisterschaft konnte sich Schachfreund Paul Erös erneut
durchsetzen; 19 Spieler nahmen teil. Es war ein äußerst harter
Kampf! Mit 8,5 Punkten konnte Schachfreund Erös seinen Titel als
Landes- und Klubmeister erfolgreich verteidigen, dicht gefolgt
von den Schachfreunden Nemes und Rév, je 8,0 und Schachfreund
Dénes, 7,5 Punkte. Vom 29. Mai bis 2. Juni war der Budapester
Blindenschachklub zu Gast in Zagreb und unterlag einer
kroatischen Auswahl verhältnismäßig hoch mit 5,5 zu 10,5
Punkten.

INFORMATIONSBLATT 2 1981 - Vom 12. bis 16. September war eine
ungarische Auswahlmannschaft zu Gast in Varna (Bulgarien) und
unterlag dort mit 9 zu 11 Punkten. Schon einige Wochen vorher
hatten die Ungarn eine österreichische Auswahl zu Gast und
unterlagen auch dieser etwas überraschend mit 9 zu 11 Punkten.

Völlig unerwartet verstarb Anfang Dezember nach kurzer Krankheit
unser Schachfreund Joszef Zich. Schachfreund Zich war
Musiklehrer in der ungarischen Blindenschule in Budapest und ein
sehr aktives Mitglied des dortigen Blindenschachklubs. So
vertrat er auch 1972 als Delegierter beim V. I.B.C.A.-Kongreß in
Pula/Medulin (Jugoslawien) sein Land. Er war einer der treuesten
Fernschach-Anhänger und nahm schon seit vielen Jahren an den
I.B.C.A.-Fernschachturnieren mit gutem Erfolg teil.

INFORMATIONSBLATT 1 1982 - In der ungarischen
Einzelmeisterschaft konnte diesmal Schachfreund Paul Erös seinen
Titel nicht verteidigen und belegte hinter Nemes, 8,5,
punktgleich mit Schachfreund Rév, je 7,5, den 2. Platz. Vierter
wurde Schachfreund Auffenberg mit 7 Punkten. Es wurde jedoch
noch ein Vergleichskampf der drei Erstplacierten durchgeführt,
den Schachfreund Erös für sich entscheiden und somit die
Berechtigung zur Teilnahme an der V. Blindenschach-
Weltmeisterschaft erreichen konnte.

INFORMATIONSBLATT 2 1982 - Bei der Einzelmeisterschaft, die am
20. Dezember 1982 endete, setzte sich diesmal Schachfreund Rév
mit 10 Punkten vor Erös, 9,5, und Auffenberg - eine echte
Überraschung - mit 8,5 (alle drei ungeschlagen) durch. 4. und 5.
Bathyny vor dem Vorjahrsmeister Nemes, je 8 Punkte, gefolgt von
Schachfreund Dénes, 7,5 und Kovac: 7 Punkte. Die nächsten sechs
folgten mit deutlichem Abstand.
           Nach einem Bericht von P. Erös, Budapest

Im Jahre 1985 rief der Ungarische Blindenverband in Szentendré
ein Schachturnier ins Leben, daß seither - jedes zweite Jahr in
wechselndem Rahmen und unter wechselnder Beteiligung - eine
gewisse Tradition erreicht hat: Den IRIS-Pokal. Am ersten
Turnier, das von Jugoslawien gewonnen wurde, nahmen zwei
ungarische Teams und insgesamt zwölf Mannschaften mit je vier
Spielern teil; es waren außerdem: Polen, Bundesrepublik
Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Holland, Finnland,
England, Österreich und Bulgarien.

Eine Sternstunde für Ungarn und für die dortige
Blindenschachorganisation stellt zweifellos die Ausrichtung der
VIII. Blindenschacholympiade und des IX. I.B.C.A.-Kongresses im
Jahre 1988 in Zalaegerszeg dar. Finanziell wurde diese
Veranstaltung durch ein über Erwarten gutes Ergebnis der
Spendensammlungen, die landesweit für die Teilnahme behinderter
ungarischer Sportler an den Paraolympics im gleichen Jahr in
Seoul (Südkorea), der Olympiaveranstaltung für Behinderte,
ermöglicht. Das Verdienst, diese einmalige Chance zur
Finanzierung der Blindenschacholympiade erkannt und entschlossen
genutzt zu haben, kommt unumstritten dem langjährigen
Präsidenten des ungarischen Schachbundes der Blinden und
Sehgeschädigten, Joszef Dénes, zu. Es war eine denkwürdige
organisatorische Leistung für ein so kleines Land.

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Schweiz - Auch der Schweizerische Blindenschachbund wurde im
Juli 1958 gegründet. Damals wohnte in der Zentralschweiz, hoch
über dem Vierwaldstädter See, Robert Gabriel,  blind und
schwerstbehindert aber voller ideen und Energie. Er hatte die
Vision von einem schweizerischen Blindenschachbund. Am 15.
Dezember 1956 suchten Walter Müller und Max Winkelmann R.
Gabriel in Selisberg auf. Es wurde beschlossen, Anfang 1957  ein
Fernschachturnier in der Schweiz auszuschreiben, um das
Interesse für Blindenschach im Lande zu ermitteln. Es meldeten
sich sofort zehn Interessenten. Bislang gab es zwölf dieser
Fernschachturniere in der Schweiz. Dadurch ermutigt organisierte
das Trio im Juli die erste schweizerische
Blindenschachmeisterschaft am Brett, woran 16 SpielerInnen
teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Schweizerische
Blindenschachbund  mit Robert Gabriel  als ersten Präsidenten,
Hans Sticher als Kassier  und Max Winkelmann als Schriftführer
und Turnierleiter gegründet. Da Schachliteratur in Punktschrift
auch in der Schweiz kaum erhältlich war, versucht Max Winkelmann
bereits seit Mai 1960 diese Lücke mit der ersten Tonbandzeitung
der Welt  zum Thema Schach zu füllen.  Sie erscheint viertel-
jährlich und enthält Informationen aller Art  und theoretische
wie praktische Beiträge aus dem nationalen und internationalen
Schachgeschehen. Im November 1960 wurde auch der erste schachli-
che Vergleich Schweizerischer Blindenschachbund gegen eine süd-
westdeutsche Auswahl in Freiburg im Breisgau ausgetragen. Diese
Veranstaltung findet seither mit nur einer Unterbrechung jeden
Herbst statt - wechselweise in Deutschland und in der Schweiz.
Als Robert Gabriel 1961 im Alter von erst 34 Jahren starb, wurde
Max Winkelmann zweiter Präsident des Schweizerischen
Blindenschachbundes, der heute etwa 40 Mitglieder umfaßt.

Zu Beginn der 60-er Jahre lernten sich auch Max Winkelmann und
Hermann Ükermann, damals Präsident des DBSB Deutscher Blinden-
schachbund kennen. Die Schweiz stellte eine der teilnehmenden
sieben  Mannschaften an der  I Blindenschacholympiade 1961  im
sauerländischen  Meschede  (Bundesrepublik  Deutschland).  Der
I.B.C.A.-Kongreß 1972 wählte Max Winkelmann zum Schatzmeister,
eine Aufgabe, die er zusammen mit seiner sehr engagierten Frau
zwölf Jahre lang wahrnahm und dann aus gesundheitlichen Gründen
aufgeben mußte.

Die Mitgliedschaft in der I.B.C.A. ist zwar - wie bei der
F.I.D.E. - seit dem Kongreß in Weymouth im Jahre 1968 im
allgemeinen nur auf nationale Blindenschachorganisationen
beschränkt, aber drei Ausnahmen sind doch in der Satzung der
Organisation vorgesehen: Der I.B.C.A.-Kongreß kann ein
Ehrenmitglied ernennen, für fördernde Mitglieder der I.B.C.A.
und natürlich unter der Bedingung, daß im Lande des
sehgeschädigten Schachspielers, der auf internationaler Ebene
spielen möchte,  keine solche Organisation existiert. Deshalb
ist es wichtig, daß sich die I.B.C.A. um weitere nationale
Mitgliedsorganisationen bemüht.

Die jedermann geläufige Schachuhr konnte ebenfalls von Blinden
und hochgradig Sehgeschädigten nicht benutzt werden. Hier wurde
von Anfang an die Hilfe sehender Schachfreunde benötigt, die man
dann nach der Zeit fragen durfte. Es gab natürlich schon
Blindenuhren - -wecker; und durch Kombination zweier solcher
Uhren und der entsprechenden Automatik, mit der eine Uhr
angehalten und die andere in Gang gesetzt werden konnte, wurde
eine Schachuhr für Blinde "gebastelt". Während aber der bei
sehenden Schachfreunden gebräuchliche Zeitmesser ein Blättchen
zeigte, das den Ablauf einer Stunde durch sein Fallen
unzweideutig angab, war bei den ersten tastbaren
Blindenschachuhren die Zeit dann überschritten, wenn der große
Zeiger deutlich die zwölf hinter sich gelassen hatte. Diese
Lösung konnte allenfalls als Behelf bezeichnet werden, und viele
Schachfreunde zerbrachen sich den Kopf, um die Zeitmeßmethode
durch Blindenschachuhren zu verbessern.

Bei der ersten Blindenschacholympiade in Meschede im Jahre 1961
präsentierten dann die englischen Schachfreunde unerwartet die
beinahe ideale Lösung: Eine Uhr mit zwei Zifferblättern. Auf dem
Plexiglas, das mit den üblichen Markierungen versehen ist, wird
mittels einer verlängerten Zeigerachse ein zweiter, großer
Zeiger mitgeführt; das dahinterliegende Zifferblatt für den
Sehenden verfügt über das gefürchtete aber für eine exakte
Zeitmessung notwendige Fallblättchen. Die Uhr wurde nun erprobt
und bewährte sich. Die Weiterentwicklung führte dann auch zu
einem "tastbaren Blättchen", so daß auch Blinde heute - soweit
es die Schachuhr betrifft, ohne die Hilfe Sehender - sogar
Blitzschach spielen können.

                   様様様様様様様様様様様様

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